Newsletter Materialien
Materialien erzählen Geschichten
Jedes Material trägt eine eigene Sprache in sich – eine Geschichte, die durch die Hand der Künstler neu erzählt wird. In diesem Newsletter widmen wir uns den besonderen Oberflächen, Strukturen und Techniken, die Werke lebendig werden lassen. Jedes Detail offenbart dabei einen einzigartigen Dialog zwischen Idee und Material.
Gerhard Hoehme nutzt Acryl, Bindfaden und Schrift auf Papier, um das Spannungsverhältnis zwischen Struktur, Geste und Zeichen zu erforschen. Gilles Lorin verbindet in seinem Platin-Palladium-Abzug fotografische Präzision mit dem kostbaren Glanz von Blattgold. Otto Dix lotet in seiner Radierung mit Aquatinta und Kaltnadel die Ausdrucksmöglichkeiten der Linie und Tonwerte aus, während Karl Schmidt-Rottluff im Farbholzschnitt die Energie des Druckstocks in kraftvolle Flächen übersetzt. Rolf Nesch entwickelt mit dem farbigen Metalldruck ein experimentelles Verfahren, das Relief, Farbe und Materialwirkung vereint. Svenja Schüffler kombiniert Ritzung, Farbstifte, Pastellkreide, Blattgold und Tusche zu komplexen Bildschichten, die malerische und zeichnerische Elemente verbinden.
In den gezeigten Detailaufnahmen treten die Techniken in den Vordergrund – sie machen sichtbar, wie tief die Wahl des Materials mit der künstlerischen Aussage verwoben ist. Denn hier erzählen nicht nur die Motive Geschichte, sondern die Materialien selbst.
Gerhard Hoehme
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Acryl, Bindfaden und Schrift auf Papier. 1964.
Ab Mitte der 1960er-Jahre begann Hoehme zunehmend, mit materialen Mitteln jenseits traditioneller Kunststoffe zu experimentieren. Er nutzte unter anderem Schnittmusterbögen als Bildträger und integrierte industrielle Stoffe wie Kunststofffolien und farbige Polyethylenschläuche in seine Arbeiten.
Hoehmes Werke – weder klar als Bild noch als Objekt zu fassen – verkörpern das Prinzip des „Dazwischen“. Sein gesamtes künstlerisches Schaffen kreist um das Knüpfen von Verbindungen: zwischen Werk, Betrachter und Raum, zwischen Materiellem und Geistigem.
Gilles Lorin
CALLA
Platin-Palladium Abzug, Blattgold. 2017.
"In meiner Arbeit verwende ich besondere Sorgfalt auf die Wahl des Materials, weil mir gerade das hilft, die Idee oder die Stimmung einer Photographie zu kommunizieren. Blattgold wurde in der Kunst in vielen Kulturen und über Jahrtausende eingesetzt, um das Göttliche zu feiern..."
Gilles Lorin
In der rauen Lineatur und im harten Schwarz-Weiß-Kontrast der Radierung treibt Dix die Kriegskrüppel-, Bordell- und Barrikadenszenerien weiter. Auch in Porträt und Akt – Hauptdomänen des Realismus – spürt Dix mit Radiernadel und Lithokreide der Vielfalt der Phänomene nach und demonstriert psychologisches Gespür wie individuelle Charakterisierungsschärfe.
Die Radierungen in Aquatinta- und Kaltnadeltechnik entstehen in drei Arbeitsgängen vom Herbst 1923 bis zum Frühsommer 1924. Vor allem die wandlungs- und ausdrucksreiche Aquatintatechnik fasziniert Dix: „Säure abwaschen, Aquatinta drauf, kurz, wunderbare Technik, mit der man die Stufungen ganz nach Belieben arbeiten kann. Die Mache wird mit einem Male kolossal interessant; wenn man radiert, wird man der reinste Alchimist.“
Otto Dix
FRONTSOLDAT IN BRÜSSEL
Radierung, Aquatinta und Kaltnadel. 1924.
Als Edvard Munch 1907 Holzschnitte von Karl Schmidt-Rottluff sah, seufzte er auf: „Gott soll uns schützen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen." Was immer der stille Norweger damit gemeint hat, er spürte die Kraft, die in dem jungen Künstler wohnte, sah, wie er dem sperrigen Holz unerhörte Gestaltungsmöglichkeiten entriss.
Karl Schmidt-Rottluff
DÜNEN UND MOLE
Farbholzschnitt. 1917.
Der bedeutende Kunsthistoriker Dr. Wilhelm Niemeyer (1874-1960) fand später für das, was Munch erschreckte, das zutreffende Wort: „Flächenwucht." Sichtbar, spürbar die Härte, die Unerbittlichkeit und zugleich die Großzügigkeit, mit der Schmidt-Rottluff seine Sprache vortrug.
Rolf Nesch
FIGUREN I
Farbiger Metalldruck. 1955.
"Neschs grundlegendes Interesse, unkonventionelle Wege zur Nutzung von Druckmaterialien und -techniken zu erforschen, führte zur Entwicklung der sogenannten Metall-Drucktechnik. Dennoch ist die Tatsache, dass er der Begründer einer neuartigen Methode der künstlerischen Druckgrafik war, nicht der einzige Grund für Neschs besondere Stellung innerhalb der grafischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Ebenso bemerkenswert ist der expressive Charakter seiner Drucke, eine besondere Eigenschaft, die wiederum aus der Fähigkeit des Künstlers hervorgeht, das inhärente bildnerische Potenzial verschiedener Materialien und Techniken voll auszuschöpfen."
Sidsel Helliesen/Bodil Sørensen, Rolf Nesch. The Complete Graphic Work, Oslo 2009, S. 13.
Svenja Schüffler
LUDWICH (WITNESS III)
Ritzung, Farbstifte, Pastellkreide, Blattgold, Tusche. 2021.
Mit metallischem Besteck, das einem chirurgischen Operationsset zu entstammen scheint, ritzt Svenja Schüffler lupenfeine Netz- und Linienmuster ins Papier. Diese subtil durchgeformten Oberflächen überarbeitet sie mit Pastellkreiden – alles in höchster Feinheit und Präzision ausgeführt. Das Resultat: Prägezeichnungen von schwindelerregender Detailfülle und naturgetreu-plastischer Wirkung, illusionistische Augenweiden, die uns an der Sicherheit unserer Wahrnehmung zweifeln lassen. Souverän kombiniert Svenja Schüffler ihre Zeichentechnik auch mit ganz alten sowie mit modernen Techniken wie Vergoldung, Frottage oder auch Airbrush und Assemblage.